Eine Zote aus dem bewegten Kifferleben

Irgendwann in den frühen Achzigern:

Natürlich..., wenn ich schon mal auf die Piste gehen will. Ich hatte gerade einen harten Arbeitstag auf dem Bau hinter mir. Frisch geduscht, rasiert und in Schale geworfen, freute ich mich heute abend mal locker die Tanzbeine zu schwingen. Ich drehte mir noch einen Joint, denn ich hatte noch gut Zeit, es war gerade 10 vor 21°°.

Gerade angeleckt und zugerollt, klingelt es an meiner Tür. Paranoia war früher ein Fremdwort für mich. Ich sprang zur Tür und öffnete sie ohne Vorbehalte. Mein Kumpel Achim stand vor mir. Ich sage: "Na Alter, was ist los ? Komm rein...!"

Achim wohnte direkt unter mir im dritten Stock, wir waren die besten Freunde.

Er sagte: "Mensch, kannste mich mal schnell fahren. Ich muß noch was klar machen. Du brauchst nicht warten, du setzt mich einfach nur ab. Ich muß nach Kreuzberg."

Eigentlich habe ich ihn öfter gefahren, wenn er seine Deals machte. Da er wegen BTM 1,5 Jahre im Knast war, hatte man ihm auch kurzerhand seine Pappe abgenommen. Er war ein geschäftstüchtiger Junge und hatte damals per Post ein Pfund Marok direkt nach Frankfurt am Main geschickt, zu ein paar Gi´s, die aber leider Gottes schon im Knast saßen, da sie eine Tankstelle überfallen hatten. Somit kam die Ladung direkt zu den Bullen.

Naja, es war nicht einer seiner besten Deals.

Ich hingegen hatte es geschafft mich schon seit Jahren aus dem Business rauszuhalten. Ich rauchte nur noch. Allerdings unterstützte ich ihn, gerade nach dem Knast habe ich ihm viel geholfen, wenn ich ihm auch geraten habe, die großen Dinger zu lassen. Dealen und Knete machen, daß paßt nicht. Wir arbeiteten beide auch auf dem Bau, er nur etwas unregelmäßiger. Naja, auf jeden Fall war er immer im Zwiespalt, ob er nachdem Knast, auch wirklich das Richtige macht. Reich geworden, ist meines Wissens niemals jemand mit der Dopedealerei.

Ich sagte zu ihm: "Okay ich fahr dich hin, aber ich hau dann ab, ich will noch in ´nen Laden tanzen gehen."

Achim seine Rumfahrereien endeten nicht selten in einem gut disponierten Slalom durch alle Bezirke Westberlins, wobei mein alter Daimler schon unter den Lasten zu leiden hatte. Aber ich war immer guter Dinge. Da ich ja selber eigentlich nichts mit der Dealerei zutun hatte (...so redete ich mir jedenfalls immer wieder ein), hatte ich ein reines Gewissen und eigentlich auch keine Angst erwischt zu werden.

Sicherlich, auch ich war zumindest als Jugendlicher mehrmals wegen BTM (Hanf und LSD) vorbestraft und wußte schon, wo man da so hinkommen kann, in den Knast und so...aber immer guter Dinge einem Freund zu helfen, fuhr ich ihn so ziemlich überall hin und auch her, mit wieviel auch immer, unentgeltlich, aber nicht unentdopelich.

Nun ja, der geneigte Leser wird schon diese Doppelmoral erkannt haben, die ich da an den Tag lege. Doch ich möchte den damalszeitigen (...gibt´s dieses Wort überhaupt ????....) Zustand meiner Einfallspinselhaftigkeit beschreiben.

Ich fühlte mich wirklich völlig unbeteiligt, wenn ich die Kilos so her und hin fuhr, ja sogar unschuldig, woran auch immer.

Aber meine Unschuld war natürlich unecht, aufgesetzt, verharmlosend und nicht den Tatsachen entsprechend, denn ich war ja ein ständiger KONSUMER, also in jedem Falle strafrechtlich gesehen schon am falschen Ufer.

Soweit so gut....Es war ein angenehmer Sommerabend, das kann ich alles noch gut rekonstruieren, aber ob nun 81 oder 80 oder vielleicht doch 79, nein ich weigere mich, mich genau daran zu erinnern. Noch bevor der Joint runtergeraucht war, lag ein 10 Gramm Brösel Schwarzer auf dem Tisch und ich richtete mich darauf ein, mindestens ´ne Stunde hin und her zu fahren. Natürlich blieb es nicht dabei, Achim machte mir klar, daß wir zuerst noch zur Videothek müßten und dann nur, noch ganz kurz einmal anhalten müssen. Dann verschwand er wieder in seiner Wohnung, er wollte sich noch schnell fertigmachen, was gut zwanzig Minuten dauerte.

Dann gings los. Achim hatte seinen kleinen Rucksack und ´ne Plastiktüte mit. Er schmiß die Tüte locker auf den Rücksitz und fläzte sich in den Beifahrersitz. Ich machte nur das Schiebeverdeck auf und preschte los. Ich fuhr, wie ich früher eben so fuhr, doch schon eher auffällig & etwas schneller. Er sagte: Erst in die Videothek..."

Ich gab Gas, na fast immer so zwischen 60 und 80. Jedenfalls, düste ich um die letzte Ecke und bremste abrupt vor der Videothek, da überholte uns ein etwas nervöser Golf und bremste mit quietschenden Reifen vor meiner Karre. Sofort sprangen zwei Männer raus und kamen an mein Auto. Wir saßen noch im Auto.

Ich ahnte schon was los war und mein Adrenalinspiegel ging nach oben. Ich hatte auch so etwas wie eine Allergie. Bei jedem Kontakt mit unseren Freunden und Helfern reagierte ich immer sehr gereizt, da kamen Erfahrungen aus meinen Jahren als Jugendlicher zum Tragen.

Vor meine Augen baumelte jedenfalls eine Kripomarke und der Eine verlangte meine Papiere, während der Andere sofort ums Auto schlich.

Sogar eine Frau war dabei, die vorne aus dem Golf kroch. Ich stieg gleich aus und kramte nach meinen Papieren, ich fragte ahnungslos: "Was habe ich falsch gemacht ?"

Der Kripo (1): "Sie sind doch wohl ein bißchen schnell gefahren."

Ich konterte dreist: "Das kann ja wohl nicht sein, gerade hier in den kleinen Straßen..."

Ich muß zugeben, ich war sofort gereizt, wie immer und dachte nicht im entferntesten an irgend etwas anderes. Die Frau kam zu uns und gab sofort ihren Senf dazu: "...Wir konnten sie ja nicht einmal einholen, so schnell sind sie gefahren..."

Ich war mir irgendwie sicher, daß die mich nicht geblitzt haben konnten. Ich meckerte: "Ich bin auf keinem Fall zu schnell gefahren, wie kommen sie darauf."

Mein Kumpel saß unbeteiligt im Auto.

Der Kripo (2), der UMSAUTOSCHLEICHER sagte: "Sie müssen gut 70 gefahren sein und außerdem ist ihr Beifahrer nicht angeschnallt."

Das schlug dem Faß den Boden aus, ich sah den Bußgeldbescheid schon im Briefkasten liegen, doch ich gab nicht auf und sagte: "Das ist ja wohl eine Frechheit, wir haben hier ja angehalten um auszusteigen. Mein Freund hat sich gerade abgeschnallt."

Da ich aufgeregt gestikulierte, was Kripo 1 und 2, vielleicht auch 3 aufgefallen sein mußte, spürten sie, daß ich mich vehement zur Wehr setzte, was sie aber veranlaßte gereizt zu reagieren. Kripo 1 sagte zu meinem Freund, ihre Papiere möchte ich auch bitte sehen."

Achim war still, stieg aber aus. Kripo 2 ging mit unseren Papieren zum Golf. Ich sagte: "Und , was passiert jetzt ?"

Kripo 1: "Wenn sie bereit sind hier und jetzt ein Bußgeld zu bezahlen, dann ersparen sie sich ein Verfahren."

Ich sagte: "Wieso, ich bin nicht zu schnell gefahren und mein Freund war auch angeschnallt. Stimmt doch Achim ?"

Er nickte nicht einmal zustimmend. Er stand nur so irgendwie fassungslos da.

Kripo 1: "Naja, wir haben ihre Geschwindigkeit ja mit dem Computer gemessen, wir werden sehen."

Ich war sauer und aufgeregt und laut und sagte: "Wie wollen sie das gemessen haben, sie rasen mir hier einfach hinterher, wenn ich die Tür von meinem Wagen aufgemacht hätte wären sie mir wohl möglich rein gefahren, halten sie uns für Schwerverbrecher, wenn man 60 anstatt 50 fährt."

Ich wollte mich aufregen und mußte rummotzen. Achim war still, vielleicht auch bleich, aber ich war deshalb nicht besorgt. Ich ärgerte mich nur, daß ich bald ´ne Strafe zahlen werden muß. Kripo 2 hatte all meine Aufregung mitbekommen und telefunkte irgendwie mit der Zentrale. Dann kam er mit unseren Papieren und sagte: "Nun bleiben sie mal ganz ruhig, wir haben auch noch ganz andere Erkenntnisse." Ein Satz, den ich in diese Augenblick überhaupt nicht verstand.

Ich sagte nur: "Na aber mal ehrlich, sie halten uns hier an und beschuldigen mich hier und meinen Freund. Ich bin wirklich nicht zu schnell gefahren, gerade hier in den kleinen Straßen und er hat sich gerade abgeschnallt."

Die Frau umkreiste fortwährend unser Auto, kontrollierte Nummernschild und Reifen aufs genaueste. Kripo 2 händigte uns unsere Ausweise und Papiere aus und sagte mit scharfem Blick: " Sie werden von uns hören..."

Ich sagte: "Ich hoffe eher nicht."

Sie verschwanden ruckzuck im Golf und dann mit ihm. Achim blickte mich streng an und zischte: "Alter, ich hätte dich umgebracht."

Ich wollte erst fragen: "Wieso ?" doch dann fiel der Blick meines rechten Auges auf die Rückbank meines Autos und erfaßte die dort liegende Plastiktüte mit 2,5 Kilo bestem Dope.

Ja, irgendwie hatte ich das in der Aufregung völlig vergessen.

Natürlich hätte man auch höflich und freundlich den Bußgeldbescheid bezahlen können.

Das eben lag daran, daß ich im Grunde ja nichts mit der ganzen Sache zutun hatte, ich glaube ich hatte den Bezug zur Realität verloren. Aber toi, toi, toi, ich habe ihn zum Glück auch bis heute nicht wiedergefunden und bin ein Paranoiafreier Kiffer geblieben.

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2003 by Gert Klimanschewski